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„Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.“ (Ps 66,20)


Liebe Leserin, lieber Leser,

nach dem letzten Sonntag „Kantate“ setzt der 5. Sonntag nach Ostern einen anderen Akzent: Nicht aus uns heraussingen sollen wir das Lob Gottes in die Welt, sondern in uns hineinhorchen – die Welt in unser Innerstes aufnehmen und sie und uns mit Gott verbinden. „Rogate” – „Betet!“
Wir sind eingeladen, zur Ruhe zu kommen, uns zu besinnen und in die Stille zu hören.

„Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so laß uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.“

So dichtete es Dietrich Bonhoeffer 1944 in der Enge seiner Gefängniszelle. In der Stille der Gottverbundenheit öffnete sich ihm ein weiter Raum, der Enge und Einsamkeit immer wieder überwand.

Viele von uns sind in den letzten Wochen und Monaten in ganz anderer Weise gefangen gewesen, reduziert an direkten und nahen Begegnungen. Viele von uns haben sich zuweilen einsam und verlassen gefühlt. Wenn wir nicht freiwillig, sondern gezwungen verzichten müssen, dann fällt es schwer, in der Beschränkung und Reduktion eine andere Art von Fülle und Weite zu erleben. Doch könnte es sein, dass diese Corona-Zeiten uns helfen, die Stille neu schätzen zu lernen?
Wie kann es gelingen, dass wir offenbleiben, unser Herz weiten und lernen, uns und die Welt mit Gott zu verbinden?

Dieser Tage waren die Zeitungen voll von Berichten über die Natur, die sich erholt, dadurch, dass der Mensch ruht: Nicht nur in Venedig, sondern auch am Bosporus zeigen sich Delphine. Meeresschildkröten legen Eier in sonst von Touristen besetzte Strände, die Luft wird vielerorts besser, die CO2-Belastungen sind deutlich zurückgegangen ...

Die religiöse Tradition lehrt, dass grade in der Reduktion, in der Begrenzung, in der Ruhe eine Fülle entstehen kann, die sich in der Dichte des Alltags schwer findet.

Im Anfang der Bibel wird erzählt, dass Gott von allen seinen Werken ruhte. Gott machte Pause und tat nichts. Es heißt, dass so, in dieser Weise, Gott alle seine Werke vollendete – im Nichtstun. Diesen siebten Tag segnete Gott und heiligte ihn, „weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken“ (Gen 2,3). Auf dem Ruhen, dem Lassen, dem Reduzieren scheint ein besonderer Segen zu liegen.

Von Jesus wird erzählt, dass er sich immer wieder in die Stille zurückzog und hieraus neue Kraft schöpfte.

„Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.“ (Ps 66,20)

Der Vers zum Sonntag Rogate beschließt den Psalm 66. Der Psalm besingt Gottes rettendes Handeln in den Geschichten des Glaubens. Das, was sich im Rückblick zeigt, wird sich auch in Zukunft als tragfähig erweisen. Also: Gelobt sei Gott, er ist unserem Innersten nahe, seine Güte umfasst mich – und die ganze Welt. Gott ist gegenwärtig, er befreit und stillt den Hunger nach Leben und die Sehnsucht nach Gerechtigkeit.

„Glückselig sind, die hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, sie sollen satt werden.“ sagt Jesus. Seine Worte klingen, als kämen sie aus einer Stille, einer Tiefe, die in der Verbundenheit mit Gott gründet. Die Gegenwart Gottes deutet Jesus als allumfassende Güte, als eine Dimension der Wirklichkeit, die alles umschließt. Sie wird hörbar in der Stille, sie wird sichtbar in der Nächstenliebe, sie ist mutig in der Feindesliebe, und sie ist heilvoll, weil wir in ihr getragen sind.

„Gelobt sei Gott, die mein Gebet nicht verwirft noch ihre Güte von mir wendet.“

In diesem Sinne grüße ich Sie herzlich zum Sonntag Rogate.

Ihr

Bertold Becker


Überblick über diesen Newsletter:
  1. Liebe Leserin, lieber Leser
  2. Gottesdienste in der Süsterkirche
  3. Gottesdienste mit Schutzkonzept
  4. Sei eine Schale
  5. Loslassen
  6. Aus einer Andacht mit Jugendlichen zum Thema „Stille“
  7. Weggeleit
  8. Höre die Stille
  9. Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral
  10. Spendenaktion des Stadtkantorats für freischaffende MusikerInnen

2. Gottesdienste in der Süsterkirche

Nach langer Zeit üben wir uns seit letztem Sonntag darin, Gottesdienste in Zeiten von Corona zu feiern.
Wir haben ein ausführliches Schutzkonzept erarbeitet und beschlossen, so dass wir davon ausgehen, dass Menschen, die kommen, bestmöglich geschützt sind und Infektionswege vermieden werden.
Es wird sicher einige Zeit brauchen, damit sich das Feiern der Gottesdienste unter neuen Bedingungen einspielt und Hygiene-Regeln auch in Gottesdiensten zur Gewohnheit werden.
Für die erste Zeit der Veränderungen hat das Presbyterium Pastor Bertold Becker gebeten, alle Gottesdienste selber zu halten, um Neues einzuüben und Erfahrungen zu sammeln.
 Nach dem Sonntag Trinitatis, 7. Juni 2020, werden wir einen neu verabredeten Predigtplan aufnehmen und durch eine Vielfalt von Beteiligten eine lebendige Predigtkultur in der Süsterkirche fortsetzen.
Schon jetzt zeigt sich, dass wir bis zu den Sommerferien auf gemeinsame Gottesdienste mit der Neustadt vorerst verzichten, um Besucherzahlen der einzelnen Gottesdienste zu reduzieren. Das schaffen wir eher durch ein erweitertes Angebot an den Sonntagen. Darum werden wir an Himmelfahrt, Pfingsten und Trinitatis nicht zusammen feiern.
Den Nachmittag-Gottesdienst am ersten Freitag im Monat werden wir wie gewohnt feiern. Den Sonntag-Gottesdienst, der diesem folgt, wollen wir auf den Abend verschieben und so einen Sonntag-Abendgottesdienst (18 Uhr) anbieten. Vielleicht gelingt es im innerstädtischen Miteinander dann Abendgottesdienste als weiteres Angebot in der Innenstadt zu verorten.

Die nächsten Gottesdienste in der Süsterkirche sehen nach diesen Überlegungen wie folgt aus:
Sonntag Rogate, 17.05.2020, 10.15 Uhr, Pfarrer Bertold Becker
Christi Himmelfahrt, 21.05.2020, 10.15 Uhr, Pfarrer Bertold Becker
Sonntag Exaudi, 24.05. 2020, 10.15 Uhr, Pfarrer Bertold Becker
Pfingsten, 31.05.2020, 10.15 Uhr, Pfarrer Bertold Becker
Freitag, 05.06.2020, 15 Uhr
Trinitatis, 07.06.2020, 18.00 Uhr

Über alles Weitere werden wir rechtzeitig informieren.


3. Gottesdienste mit Schutzkonzept

Das Presbyterium ist sich in der Zeit der Gefährdung seiner besonderen Verantwortung für den Schutz des Lebens bewusst. Ziel aller im Folgenden beschriebenen Schutzmaßnahmen ist es, Infektionsrisiken zu minimieren und Gottesdienstbesucherinnen und -besuchern größtmöglichen Schutz zu gewähren.
Wir haben die Plätze in der Süsterkirche so reduziert, dass die Abstandsregel nach allen Seiten eingehalten werden kann. Gemeinsame Plätze für Hausgemeinschaften sind dabei vorgesehen. Das bedeutet aber, dass wir mit nicht mehr als 40–50 Personen Gottesdienste feiern können. Was wir tun, wenn wir immer wieder deutlich mehr sind, werden wir dann überlegen ...

Wir werden beim Eintreten in die Kirche auf ausreichenden Abstand achten, der auch schon vor der Kirchentür beginnt. Wir werden die Seitentüre als weiteren Ausgang öffnen.
Wir werden alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer in geeigneter Weise erfassen, so dass im Falle eines Falles alle verständigt werden können.

Unsere Kirche ist ein öffentlicher Raum. Darum sind alle Teilnehmerinnen und Teilnehmern gebeten, Mund-Nase-Bedeckungen mitzubringen und beim Hinein- und Herausgehen zu tragen. Am Eingang werden wir auch Bedeckungen vorhalten, so dass alle, die kommen, einen Mundschutz tragen können.

Beim Eintreten in die Kirche sind wir zudem eingeladen, die Hände zu desinfizieren.
Im Gottesdienst nutzen wir keine Gesangbücher und werden bis auf Weiteres auch nicht singen, um die Infektionsgefährdung so gering wie möglich zu halten.
Stattdessen werden wir uns durch Wort und Musik ermutigen und trösten lassen.
Auf das gemeinsame Abendmahl werden wir vorerst verzichten müssen, ebenso auf eine Kollekte in den Reihen. Am Ausgang steht für die Kollekte ein Korb bereit.
Es versteht sich von selbst, dass wir Türgriffe, Handläufe, Toiletten desinfizieren, um auch hier ein Ansteckungsrisiko zu minimieren.
Bedauerlich ist auch, dass wir zu einem Kirchenkaffee nicht einladen können.
Stattdessen sind wir gebeten, nach dem Gottesdienst die Kirche ohne Gespräche zu verlassen.
Mit einem solchen Konzept feiern wir miteinander Gottesdienste – und jede und jeder ist dabei ausreichend geschützt.
Wir freuen uns über die Form der Gemeinschaft, die sich im Gottesdienst zeigt, aber über ihn hinausweist und nicht von ihm abhängt.
Wer mag, kann im Innenhof beim Open-Air-FairStand unseres Weltladens Kaffee und Tee, Schokolade und mehr erwerben. Auch hier achten wir auf ausreichend Abstand.


4. Sei eine Schale

„Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale, nicht als Kanal,
der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt,
während die Schale wartet bis sie gefüllt ist.
Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt,
ohne eigenen Schaden weiter; denn sie weiß,
dass der verflucht ist, der seinen Teil verringert.
Die Schale ahmt die Quelle nach.
Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss,
wird sie zu See.
Die Schale schämt sich nicht, nicht überströmender zu sein als die Quelle
DU, tue das Gleiche!
Zuerst anfüllen und dann ausgießen.
Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen,
nicht auszuströmen....
Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst.
Wenn du nämlich mit dir selber schlecht umgehst,
wem bist du dann gut?
Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle;
Wenn nicht, schone dich.“
          Bernhard von Clairvaux (1090 – 1153)


5. Loslassen

Die Spanne zwischen dem Tag,
da wir unseren Weg antreten,
und dem Tag, da wir am Ende angelangt sind,
kann kurz sein oder sich bis ins hohe Alter erstrecken.
Zu jeder Zeit müssen wir bereit sein,
das Leben ohne Bitterkeit
in die Hände dessen zurückzugeben,
von dem es gekommen ist.
Wir dürfen sagen:
„Nichts habe ich zurückbehalten, alles gehört dir, o Gott.“
Gott, lass uns dein Heil schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
Nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden
Und vor dir hier auf Erden
Wie Kinder fromm und fröhlich sein!
           (Matthias Claudius) EG 482,5


6. Aus einer Andacht mit Jugendlichen zum Thema „Stille“

"Meine Seele ist stille zu Gott", dieses vielen von euch bekannte Lied werden wir u.a. heute hören. Das Lied will unser Vertrauen stärken, uns sicher und "glaubensgelassen" machen. Denn Stille hat eine Wortverwandtschaft mit stillen. Stille ist also nicht nur "Abwesenheit von Lärm", sondern wird als harmonisch erlebt, wenn Empfindungen wie "versorgt" und "geborgen" erzeugt werden können. – Stille ist wie ein gestilltes Kind!
Still zu werden hat viel mit Absichtslosigkeit, mit LOSLASSEN zu tun.

Wenn du in die Stille gehst, hör auf, dich zu bewerten. Halte innere Einkehr. Beobachte nicht deine Gefühle, deine Gedanken.
 Wenn du dein ICH loslässt, wenn du dich selbst vergisst, dann kann Stille erst entstehen.

Kirchen können sehr gut Orte der Stille sein. Hier können wir uns der Stille öffnen, hier soll in einem weiten Sinn Göttliches erlebt werden ...
Eine alte französische Kircheninschrift lautet: "Halte die Stille und die Stille wird dich halten."

Das heißt: Nicht nur im Schönen der Stille, sondern auch im Aushalten der inneren Unruhe, die in der Stille bewusst erfahrbar werden kann, hält mich der Grund allen Seins.
 Oder glaubensnaher ausgedrückt: Ich bin von Gott gehalten! 

Also gehört zur Stille nicht nur Schweigsamkeit, sondern auch Mut: In der Stille kann sich der ganze aufgestaute Ärger, die Selbstanklage und Selbstverurteilung, die Traurigkeit melden. Stille hat nichts mit Stillstand zu tun. Stille bedeutet: Arbeit an mir selbst, Stille bringt uns manchmal aus einer scheinbaren Ruhe. Hier erfahre ich auch die Lehre, die Gott mir zukommen lässt: Manchmal die Schatten meines Lebens, die zu mir gehören und Teile meiner Wirklichkeit, meiner Existenz sind. 

Stille macht fähig, den eigenen Dunkelheiten zu begegnen und sie mit Gott für die Zukunft zu bearbeiten. 

Mittlerweile haben auch Institutionen erkannt, wie wichtig Stille ist: Rückzugmöglichkeiten werden angeboten, um das seelische Gleichgewicht zu stärken. Beispielsweise hat das Polizeipräsidium Köln einen Raum der Stille für seine Mitarbeiter eingerichtet. In immer mehr Schulen, Universitäten usw. gibt es Rückzugsmöglichkeiten in Räumen der Stille.


"Mach dich ganz leer, damit du neu denken kannst", will sagen: Übe eine gewisse Leere, die mich lehrt, eine neue Offenheit zu erlangen." 

(Rainer Nuß)


7. Weggeleit

Durchatmen
Bis zur Mitte
Atem holen
Innehalten
Aus und Ein
Atmen
Lassen
Stille
Lebenskraft spüren
Fülle fühlen
Gott loben
Halleluja singen
Weitermachen

Und dann
Später
Morgens zur Auferstehung
Und abends
Im Frieden der Nacht
wieder
Durchatmen
Und lassen
Und Halleluja singen
           (Sebastian)


8. Höre die Stille

Wenn der Lärm verklungen ist,
Äußerlichkeiten bedeutungslos werden
fühlst du,
atmest du
Ruhe und Frieden,
findest du dich selbst.
           (Hermann J. Brüggemann)


9. Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral

In einem Hafen an einer westlichen Küste Europas liegt ein ärmlich gekleideter Mann in seinem Fischerboot und döst.
Ein schick angezogener Tourist legt eben einen neuen Farbfilm in seinen Fotoapparat, um das idyllische Bild zu fotografieren: blauer Himmel, grüne See mit friedlichen, schneeweißen Wellenkämmen, schwarzes Boot, rote Fischermütze.
Klick. Noch einmal: klick, und da aller guten Dinge drei sind und sicher sicher ist, ein drittes Mal: klick. Das spröde, fast feindselige Geräusch weckt den Fischer, der sich schläfrig aufrichtet, schläfrig nach seiner Zigarettenschachtel angelt. Aber bevor er das Gesuchte gefunden, hat ihm der eifrige Tourist schon eine Schachtel vor die Nase gehalten, ihm die Zigarette nicht gerade in den Mund gesteckt, aber in die Hand gelegt, und ein viertes Klick, das des Feuerzeuges, schließt die eilfertige Höflichkeit ab.
Durch jenes kaum messbare, nie nachweisbare Zuviel an flinker Höflichkeit ist eine gereizte Verlegenheit entstanden, die der Tourist – der Landessprache mächtig – durch ein Gespräch zu überbrücken versucht.
„Sie werden heute einen guten Fang machen.“ Kopfschütteln des Fischers. „Aber man hat mir gesagt, dass das Wetter günstig ist.“
Kopfnicken des Fischers.
„Sie werden also nicht ausfahren?“
Kopfschütteln des Fischers, steigende Nervosität des Touristen. Gewiss liegt ihm das Wohl des ärmlich gekleideten Menschen am Herzen, nagt an ihm die Trauer über die verpasste Gelegenheit.
„Oh? Sie fühlen sich nicht wohl?“
Endlich geht der Fischer von der Zeichensprache zum wahrhaft gesprochenen Wort über. „Ich fühle mich großartig“, sagt er. „Ich habe mich nie besser gefühlt.“
Er steht auf, reckt sich, als wollte er demonstrieren, wie athletisch er gebaut ist. „Ich fühle mich fantastisch.“
Der Gesichtsausdruck des Touristen wird immer unglücklicher, er kann die Frage nicht mehr unterdrücken, die ihm sozusagen das Herz zu sprengen droht: „Aber warum fahren Sie dann nicht aus?“
Die Antwort kommt prompt und knapp. „Weil ich heute Morgen schon ausgefahren bin.“ „War der Fang gut?“ „Er war so gut, dass ich nicht noch einmal ausfahren brauche, ich habe vier Hummer in meinen Körben gehabt, fast zwei Dutzend Makrelen gefangen.“
Der Fischer, endlich erwacht, taut jetzt auf und klopft dem Touristen auf die Schultern. Dessen besorgter Gesichtsausdruck erscheint ihm als ein Ausdruck zwar unangebrachter, doch rührender Kümmernis. „Ich habe sogar für morgen und übermorgen genug!“, sagte er, um des Fremden Seele zu erleichtern. „Rauchen Sie eine von meinen?“ „Ja, danke.“ Zigaretten werden in Münder gesteckt, ein fünftes Klick, der Fremde setzt sich kopfschüttelnd auf den Bootsrand, legt die Kamera aus der Hand, denn er braucht jetzt seine Hände, um seiner Rede Nachdruck zu verleihen. „Ich will mich ja nicht in Ihre persönlichen Angelegenheiten mischen“, sagt er, „aber stellen Sie sich mal vor, Sie führen heute ein zweites, ein drittes, vielleicht sogar ein viertes Mal aus und Sie würden drei, vier, fünf, vielleicht sogar zehn Dutzend Makrelen fangen, stellen Sie sich das mal vor!“ Der Fischer nickt. „Sie würden“, fährt der Tourist fort, „nicht nur heute, sondern morgen, übermorgen, ja, an jedem günstigen Tag zwei-, dreimal, vielleicht viermal ausfahren – wissen Sie, was geschehen würde?“ Der Fischer schüttelt den Kopf. „Sie würden sich in spätestens einem Jahr einen Motor kaufen können, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren könnten Sie vielleicht einen kleinen Kutter haben, mit zwei Booten oder dem Kutter würden Sie natürlich viel mehr fangen – eines Tages würden Sie zwei Kutter haben, Sie würden ...“, die Begeisterung verschlägt ihm für einen Augenblick die Stimme, „Sie würden ein kleines Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber rundfliegen, die Fischschwärme ausmachen und Ihren Kuttern per Funk Anweisung geben, Sie könnten die Lachsrechte erwerben, ein Fischrestaurant eröffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris exportieren – und dann ...“ – wieder verschlägt es ihm die Sprache. Kopfschüttelnd, im tiefsten Herzen betrübt, seiner Urlaubsfreude schon fast verlustig, blickt er auf die friedlich hereinrollende Flut, in der die ungefangenen Fische munter springen. „Und dann“, sagt er, aber wieder verschlägt ihm die Erregung die Sprache.
Der Fischer klopft ihm auf den Rücken wie einem Kind, das sich verschluckt hat. „Was dann?“, fragt er leise.
„Dann“, sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, „dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen – und auf das herrliche Meer blicken.“
„Aber das tu ich ja schon jetzt“, sagt der Fischer, „ich sitze beruhigt am Hafen und döse, nur Ihr Klicken hat mich dabei gestört.“
Tatsächlich zog der solcherlei belehrte Tourist nachdenklich von dannen, denn früher hatte er auch einmal geglaubt, er arbeite, um eines Tages einmal nicht mehr arbeiten zu müssen, aber es blieb keine Spur von Mitleid mit dem ärmlich gekleideten Fischer in ihm zurück, nur ein wenig Neid.
Heinrich Böll (aus: Böll, Heinrich. Kölner Ausgabe. Bd. 12. 1959–1963. Hrsg. von Robert C. Conrad © 2008, 2011 by Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG, Köln)


10. Spendenaktion des Stadtkantorats für freischaffende MusikerInnen


Vom Evangelischen Stadtkantorat, das die Kirchenmusik in unserer Gemeinde verantwortet, erreichte uns folgender Spendenaufruf, den wir von Herzen gerne weitergeben:

„Freischaffend tätige Musiker sind in diesen Wochen und Monaten besonders hart von den Auswirkungen der Corona-Krise betroffen. Durch die Absage von Konzerten, musikalischen Gottesdiensten, Unterricht etc. bleiben sämtliche Honorare aus.
Auch vom Evangelischen Stadtkantorat und von „Kirche macht Musik“ musste für die Vergangenheit und muss vermutlich auch noch für längere Zeit in der Zukunft vielen Musikern abgesagt werden. (Kantatengottesdienste, Bielefelder Nachtansichten, Pfingstkonzert, Stimmbildung, Instrumentalunterricht, Jungbläserausbildung  et.ct.)
Wir wollen, dass alle die Musiker, die uns in den letzten Jahren durch ihr Singen, Spielen oder Unterrichten bereichert haben, auch nach der Corona-Krise wieder mit uns arbeiten können. Bis dahin brauchen sie unsere Unterstützung!
Helfen Sie mit und spenden Sie, damit wir „unsere“ Musiker unterstützen können! Wir danken für Ihre Spende auf das Konto


Kirchenkreis Bielefeld
IBAN DE42 3506 0190 2006 6990 68 BIC: GENODED1DKD Verwendungszweck (bitte unbedingt angeben!): Coronahilfe Musiker_W462C


Wenn Sie zusätzlich Ihren Namen und Ihre Adresse angeben, erhalten Sie umgehend eine Spendenbescheinigung.


Ganz herzlichen Dank für Ihre Unterstützung!“


Wenn Sie diese E-Mail (an: unknown@noemail.com) nicht mehr empfangen möchten, können Sie diese hier kostenlos abbestellen.

 

Herausgegeben und verantwortet von Pfarrer Bertold Becker
im Auftrag des Presbyteriums der Evangelisch-Reformierten Kirchengemeinde Bielefeld
Süsterplatz 2
33602 Bielefeld
Deutschland

Tel. 0170 96 30 787
bertold.becker@kirche-bielefeld.de