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"Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben."  (Joh 10,11a.27-28a)

Liebe Leserin, lieber Leser,


der zweite Sonntag nach Ostern trägt nach kirchlicher Tradition die Überschrift: „Misericordias Domini“ – „Die Barmherzigkeit des Herrn“.

Die Überschrift stammt aus Psalm 89, der die Barmherzigkeit Gottes lobt und sie
mit der Figur des Königs Davids verbindet. David wird hier Gott so nahe gedacht, dass er zu Gott „mein Vater“ spricht und als „erstgeborener Sohn Gottes“ gepriesen wird.
Es liegt nahe, dass die ersten Gemeinden die Psalmen auf Jesus übertragen haben.
Jesus ist es, der Gott „seinen Vater“ nennt, der als „sein eingeborener Sohn“ bekannt wird und – wie David – ein guter Hirte ist.

Der zweite Sonntag nach Ostern lobt Jesus als diesen guten Hirten.
Die Worte des Psalms 23 werden Jesus zugedacht:
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“

Zur Entstehungszeit des Psalms 23 wurden mit dem Begriff „Hirte“ im Alten Orient nicht nur Gott, sondern auch verschiedene Herrscher bezeichnet. In der Bibel findet sich das Wort für den Messias ebenso wie für den Perserkönig Kyros. Die politischen und religiösen Führer Israels wurden zudem in der Rolle des Hirten gesehen. Ihre Aufgabe war klar: Sie sollten in enger Verbundenheit mit Gott das Volk leiten.

Im Buch des Propheten Ezechiel wird ihnen ein Gottesspruch entgegengeschleudert:
„Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück, und das Verlorene sucht ihr nicht.“ (Ez 34,1-4)
„Die Schwachen stärken, die Kranken heilen, die Angeschlagenen verbinden“, daran müssen sich die Hirten messen lassen.  – Das alte Prophetenwort wirkt aktuell.

Was ist der Maßstab, mit dem wir heute verantwortliches Handeln messen?
Die Frage nach dem „Hirten“ verbindet sich mit inhaltlichen Werten, nach denen wir uns als Gesellschaft richten wollen.
Welche Werte leiten uns? Was ist das Ziel, nach dem wir streben? Was sollen die Werte leisten und welcher Zukunft sind sie geschuldet? Wer steht für die Werte ein? Wem vertrauen wir uns an? Wem glauben wir? Nach welchen Regeln gestalten wir unseren Alltag?

„Der Herr ist mein Hirte“ –
Mit diesem Satz relativieren sich alle Herrschaftsansprüche weltlicher Hirten.
Der Psalm 23 bekennt eine Zugehörigkeit zu Gott, einer Kraft, die höher ist als alle Vernunft. In ihr – und nicht in dem Handeln der Mächtigen – bin ich behütet und bewahrt.
In Gott bin ich angesehen – und bin gleichsam zum König gesalbt: „Du salbst mein Haupt mit Öl – und schenkst mir überreich ein!“
Mit dem Bekenntnis zu Gott als dem Hirten vollzieht sich eine Art Herrschaftswechsel.
Die Gesetze von Macht und Ohnmacht, Herrschaft und Knechtschaft werden durchbrochen. Ich selber bin einem König gleich. Gott selbst verbindet sich mit meinem Namen und führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit.

Die Auferstehung des gekreuzigten Jesus ist auch so etwas wie ein Herrschaftswechsel.
Die Macht der Gewalt, die Macht des römischen Reiches und mit ihr alle weltliche und religiöse Herrschaft ist in Frage gestellt. Auch der Machtbereich von Krankheit und Tod, von Ohnmacht und Hilflosigkeit ist relativiert: Christus ist auferstanden von den Toten! Halleluja!
Mit diesem Evangelium bin ich in die Auferstehung Christi einbezogen in einen Prozess der Wandlung: Ich selber bin getragen von diesem Grund, in dem Leben und Tod aufgehoben sind. Ich selber bin behütet und von einer Güte umgeben, die aufrichtet und heil macht und über den Tod hinaus bewahrt. Ich selber habe Anteil an der Auferstehung Christi und bin darin zugleich selber zum Hirten und zur Hirtin berufen.
Der Herr ist mein Hirte: In Gott und darin auch in der Kraft der anderen bin ich behütet. Mit dem Herrschaftswechsel bin ich am Ende sogar Hüterin und Hüter des Göttlichen:
„Er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein ...“ (EG 27)

Wie begegne ich der und dem anderen so, dass ich ihr und sein Wohl im Blick habe?
Wie werden wir zu einer Gemeinschaft, die „die Schwachen stärkt und die Kranken heilt“?

Diese Fragen haben wir uns gestellt bei der Überlegung, wann und wie wir in Zukunft Gottesdienste feiern können.
Im Presbyterium sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass wir in einem ersten Schritt unsere Kirche sonntags zu den Gottesdienstzeiten öffnen.
Am Sonntag, 26.4. und Sonntag, 3.5. ist die Kirche von 10–12 Uhr offen.
Im Rahmen der Hygiene- und Abstandregelungen sind alle willkommen.
Den ersten Gottesdienst wollen wir – sofern nichts anders gilt – als Freitag-Nachmittag-Gottesdienst um 15 Uhr am 8. Mai feiern, dem Tag der Kapitulation Deutschlands vor 75 Jahren.  
Auf Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen müssen wir dabei gemeinsam achten.
Mit begrenztem Platzangebot üben wir ein, was dann im Folgenden gottesdienstliche Regeln sind: Plätze begrenzen, Distanz halten und trotzdem Nähe zu teilen.
Vielleicht feiern wir am 10. Mai um 18 Uhr einen Sonntag-Abend-Gottesdienst ...
Ab dem 17. Mai – davon gehen wir jetzt aus – werden wir zu gewohnten Zeiten Gottesdienste anbieten können.
Weil Gott unser Hirte ist, werden wir aufeinander achten und „das Schwache stärken“.

In diesem Sinne grüße ich ganz herzlich!

Ihr Bertold Becker

Friede auf Erden!




Überblick über diesen Newsletter:
  1. Liebe Leserin, lieber Leser
  2. Psalm 23 und die Übersetzung der Zürcher Bibel
  3. Der Sprachraum des Psalms: Biblische Zitate zu Grundwörtern des Psalms 23
  4. Der Sprachraum des Hirten: Ezechiel 34 und eine Rede Greta Thunbergs

2. Psalm 23 in der Übersetzung der Zürcher Bibel

1 Ein Psalm Davids.
Der HERR ist mein Hirt,
mir mangelt nichts,
2 er weidet mich auf grünen Auen.
Zur Ruhe am Wasser führt er mich,
3 neues Leben gibt er mir.
Er leitet mich auf Pfaden der Gerechtigkeit
um seines Namens willen.
4 Wandere ich auch im finstern Tal,
fürchte ich kein Unheil,
denn du bist bei mir,
dein Stecken und dein Stab,
sie trösten mich.
5 Du deckst mir den Tisch
im Angesicht meiner Feinde.
Du salbst mein Haupt mit Öl,
übervoll ist mein Becher.
6 Güte und Gnade werden mir folgen alle meine Tage,
und ich werde zurückkehren ins Haus des HERRN mein Leben lang.


3. Der Sprachraum des Psalms: Biblische Zitate zu Grundwörtern des Psalms 23

Der HERR ist mein Hirt, mir mangelt nichts.

Aus dem Prophetenbuch Ezechiel, Kap 34:
Und des HERRN Wort geschah zu mir:
Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück, und das Verlorene sucht ihr nicht.

Er weidet mich auf grünen Auen.
Zur Ruhe am Wasser führt er mich,
neues Leben gibt er mir.
Er leitet mich auf Pfaden der Gerechtigkeit.
    
Aus dem Prophetenbuch Amos, Kapitel 5:
Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Aus dem Prophetenbuch Jesaja, Kap 31:
Siehe,
das Recht wird in der Wüste wohnen und Gerechtigkeit im fruchtbaren Lande.
Und der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein, und der Ertrag der Gerechtigkeit wird Ruhe und Sicherheit sein auf ewig,
dass mein Volk in friedlichen Auen wohnen wird, in sicheren Wohnungen und in sorgloser Ruhe.

Dein Stecken und dein Stab, sie trösten mich.

Aus dem Buch Exodus, Kapitel 3 und 4:
Gott sprach zu Mose aus dem Dornbusch:
Ich will euch aus dem Elend Ägyptens führen ... in das Land, darin Milch und Honig fließen.
Mose antwortete und sprach: Siehe, sie werden mir nicht glauben und nicht auf mich hören, sondern werden sagen: Gott, der Alleine, ist dir nicht erschienen.
Gott aber sprach zu ihm: Was hast du da in deiner Hand? Er sprach: Einen Stab.
Er aber sprach: Wirf ihn auf die Erde. Und er warf ihn auf die Erde; da ward er zur Schlange...
Und Gott sprach:  
Diesen Stab nimm in deine Hand, mit ihm wirst du die Zeichen tun.

Aus dem 1. Buch Samuel, Kapitel 14:
Und David sprach zu Saul: Keiner lasse den Mut sinken; dein Knecht wird hingehen und mit diesem Philister kämpfen.
Saul aber sprach zu David: Du kannst nicht hingehen zu diesem Philister, mit ihm zu kämpfen; denn du bist ein Knabe, dieser aber ist ein Kriegsmann von Jugend auf...
Und David sprach: Der HERR, der mich von dem Löwen und Bären errettet hat, der wird mich auch erretten vor diesem Philister.
Und Saul sprach zu David: Geh hin, Gott sei mit dir!
Und Saul legte David seine Rüstung an und setzte ihm einen ehernen Helm auf sein Haupt und legte ihm einen Panzer an.
Und David gürtete sein Schwert über seine Kleider und versuchte zu gehen; aber er war es nicht gewohnt. Da sprach David zu Saul: Ich kann so nicht gehen, denn ich bin's nicht gewohnt; und er legte alle Waffen ab
und nahm seinen Stab in die eine Hand, wählte fünf glatte Steine aus dem Bach und tat sie in die Hirtentasche und nahm die Schleuder in die andere Hand und ging dem Philister entgegen.


Du deckst mir den Tisch im Angesicht meiner Feinde.

Aus dem Evangelium nach Markus, Kapitel 6:
Und Jesus sah die vielen Menschen, und sie taten ihm leid, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er fing an, sie vieles zu lehren.
Und als die Stunde schon vorgerückt war, traten seine Jünger zu ihm und sagten: Abgelegen ist der Ort und vorgerückt die Stunde.
Schick die Leute weg, damit sie ...  etwas zu essen kaufen.
Er aber antwortete ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen! Und sie sagen zu ihm: Sollen wir gehen und kaufen?
Er aber sagt zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Geht und seht! Sie sagen: Fünf, und zwei Fische.
Und er forderte sie auf, sie sollten sich alle zu Tischgemeinschaften niederlassen im grünen Gras – auf grünen Auen.
Und er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis und brach die Brote und gab sie den Jüngern zum Verteilen, und auch die zwei Fische teilte er für alle.
Und alle aßen und wurden satt.
Und sie sammelten die Brocken, zwölf Körbe voll ...


Du salbst mein Haupt mit Öl, übervoll ist mein Becher.

Aus dem Markusevangelium, Kapitel 14:
Während sie am Tisch lagen und aßen,
sagte Jesus:
»Amen, das sage ich euch:
Einer von euch wird mich verraten,
einer, der hier mit mir isst.«
Die Jünger waren tief betroffen.
Einer nach dem anderen fragte Jesus:
»Doch nicht etwa ich?«
Jesus antwortete ihnen:
»Es ist einer von euch zwölf –
der sein Brot mit mir in die Schale taucht.
Der Menschensohn muss sterben.
So ist es in den Heiligen Schriften angekündigt.
Wie schrecklich für den Menschen,
der den Menschensohn verrät.
Er wäre besser nie geboren worden.«
Beim Essen nahm Jesus ein Brot.
Er lobte Gott
und dankte ihm dafür.
Dann brach er das Brot in Stücke
und gab es seinen Jüngern.
Er sagte:
»Nehmt, das ist mein Leib.«
Dann nahm er den Becher.
Er sprach das Dankgebet,
gab ihn seinen Jüngern
und sie tranken alle daraus.
Und Jesus sagte zu ihnen:
»Das ist mein Blut.
Es steht für den Bund,
den Gott mit den Menschen schließt.
Mein Blut wird für die vielen vergossen werden.
Amen, das sage ich euch:
Ich werde nun keinen Wein mehr trinken.
Erst an dem Tag werde ich neu davon trinken,
wenn Gott sein Reich vollendet hat.«
Jesus und seine Jünger sangen die Dankpsalmen.
Dann gingen sie hinaus zum Ölberg.


Güte und Gnade werden mir folgen alle meine Tage,
und ich werde zurückkehren ins Haus des HERRN mein Leben lang.

Aus dem Psalm 103:
Barmherzig und voller Gnade ist Gott,
geduldig und von großer Güte.

Aus dem Prophetenbuch Jeremia, Kapitel 30
Du, fürchte dich nicht, mein Diener Jakob, Spruch Gottes, und erschrick nicht, Israel!
Denn sieh, dich rette ich aus der Ferne und deine Nachkommen aus dem Land ihrer Gefangenschaft, und Jakob wird zurückkehren und Ruhe haben und keine Sorgen kennen, und da wird keiner sein, der ihn aufschreckt. Denn ich bin bei dir, Spruch Gottes, um dir zu helfen.


4. Der Sprachraum des Hirten: Ezechiel 34 und eine Rede Greta Thunbergs


„Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?“ – Ezechiel 34,1-4
„Und des HERRN Wort geschah zu mir:
Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück, und das Verlorene sucht ihr nicht!“

Auszüge aus der Rede Greta Thunbergs beim UN-Klimagipfel in New York am 23.09.2019 vor den versammelten Staats- und Regierungschefs, den „Hirten“ der Welt.
„All das hier ist eine verkehrte Welt.
Ich sollte nicht hier stehen. Ich sollte zurück in der Schule sein, auf der anderen Seite des Ozeans. Trotzdem kommt Ihr alle zu mir, um zu hoffen?
Wie könnt Ihr es wagen!
Mit euren leeren Worten habt Ihr mir meine Träume und meine Kindheit gestohlen. Und trotzdem bin ich noch eine von denen, die Glück haben.
Menschen leiden. Menschen sterben. Ganze Ökosysteme brechen zusammen.
Wir stehen am Beginn eines Massenaussterbens.
Und alles, worüber Ihr reden könnt, ist Geld und das Märchen von ewigem Wachstum.
Wie könnt Ihr es wagen!
Seit über 30 Jahren sind die wissenschaftlichen Aussagen eindeutig und klar. Wie könnt Ihr da weiterhin wegsehen, um dann hierher zu kommen und zu behaupten, Ihr würdet genug unternehmen, wo die politischen Maßnahmen und Lösungen, die erforderlich wären, noch immer nirgendwo zu sehen sind?“


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Pfarrer Bertold Becker
im Auftrag des Presbyteriums der Evangelisch-Reformierten Kirchengemeinde Bielefeld
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